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Eine offene & positive Fehlerkultur ist die Basis für eine erfolgreiche, innovative Produktentwicklung und agiles Arbeiten. Und natürlich streben alle Organisationen eine positive Fehlerkultur an. Häufig ist aber weder klar, was “positive Fehlerkultur” überhaupt genau heißen soll, noch wie man sie erreichen kann.

Mit diesem Artikel möchte ich Dir zum einen dabei helfen, ein besseres Verständnis von Fehlern zu entwickeln. Damit Du in einem ersten Schritt in Deiner Organisation eine gemeinsame Sprache fördern kannst, um über Fehler und Fehlerkultur zu sprechen. Zum anderen gebe ich Dir im letzten Teil des Artikels natürlich auch ein paar praktische Tipps & Ideen mit auf den Weg, die Dir dabei helfen sollen, eine bessere Fehlerkultur in Deinem Unternehmen zu etablieren.

Fehlerkultur vs. Irrtumskultur

Um eine offene & positive Fehlerkultur zu etablieren, ist es zunächst einmal hilfreich zu verstehen, dass nicht alle Misserfolge gleich sind. Das liegt vor allem daran, dass sie unter unterschiedlichen Voraussetzungen entstehen. Ein Blick auf das Cynefin Framework von Dave Snowden kann uns an dieser Stelle weiterhelfen.

Geordnete & ungeordnete Systeme im Cynefin Framework

Dave Snowden unterscheidet Umgebungen oder Situationen in vier unterschiedliche Kategorien: einfache, komplizierte, komplexe und chaotische Systeme.

Gleichzeitig handelt es sich bei den beiden Systemen auf der rechten Seite des Frameworks um sogenannte geordnete Systeme. Also Systeme, Kontexte oder Situationen, die sich durch eine vorherige Analyse oder Bewertung grundsätzlich verstehen lassen.

Komplexe und chaotische Systeme hingegen versteht Dave Snowden als ungeordnete Systeme. Hier lässt sich die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung immer erst im Nachhinein feststellen.

Fehlerkultur - geordnete und ungeordnete Systeme

Nun können in allen vier sehr unterschiedlichen Kontexten des Cynefin Frameworks Fehlschläge vorkommen. Und das Problem daran ist, dass wir diese Misserfolge alle gleich behandeln bzw. bewerten. Ja, wir sprechen sogar gleich davon, weil wir sie alle als Fehler bezeichnen. Während wir jedoch in der Lage sind, Fehler in einfachen und komplizierten Situationen (also den geordneten Systemen) durch Best Practices, eine intensive Analyse oder Standards zu vermeiden, können wir das in komplexen und chaotischen Situationen nicht.

Es ist deshalb sinnvoll, Misserfolge in komplexen Situationen auch sprachlich von Fehlern zu unterscheiden, indem wir sie als Irrtümer bezeichnen.

Mit dieser sprachlichen Trennung zwischen Fehlern und Irrtümern kannst Du ein solides Fundament für eine offene und positive Fehlerkultur legen.

Arten von Fehlern nach Amy Edmondson

Auch Amy Edmondson unterscheidet in ihrem Modell der Psychologischen Sicherheit zwischen vermeidbaren, komplexen und intelligenten Fehlern.

Vermeidbare Fehler

Vermeidbare Fehler sind Fehler in einfachen oder komplizierten Situationen. Also in den beiden Systemen, die das Cynefin Framework als geordnete Systeme bezeichnet.

Wenn Du einen Lichtschalter reparierst und dabei einen Stromschlag kriegst, weil Du den FI-Schalter nicht ausgeschaltet hast, sind die Gründe dafür offensichtlich und einfach.

Wenn Du für Dich und Deine Familie ein neues Auto kaufst, ohne zuvor mit Deiner Familie darüber gesprochen zu haben, welche Features und Merkmale des neuen Autos für Euch besonders wichtig sind, wirst Du wahrscheinlich ebenfalls Fehler begehen. (Auch wenn die vorherige Analyse Eurer Kriterien sicherlich kompliziert ist.)

Diese Art von Fehlern ist sicherlich schlecht, da sie eben vermeidbar sind und nicht auftreten müssen.

Komplexe & intelligente Fehler (Irrtümer)

Komplexe und intelligente Fehler hingegen entstehen beide in komplexen Situationen. Wobei die Unterscheidung zwischen komplexen und intelligenten Fehlern meiner Meinung nach nicht ganz trennscharf bzw. eher gradueller Art ist. Deshalb bezeichne ich beide Fehler-Arten nach Amy Edmondson als Irrtümer.

Komplexe Situationen oder Systeme zeichnen sich dadurch aus, dass eine vorherige Analyse unmöglich ist. Weil die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung erst im Nachhinein erkennbar ist. Weder komplexe noch intelligente Fehler sind deshalb vermeidbar. Und genau deshalb sind wir gezwungen, Hypothesen zu formulieren und diese mit Hilfe von Tests & Experimenten zu überprüfen.

Fehlerkultur - Fehlerarten nach Amy Edmondson

Beispielsweise könntest Du als Product Owner die Zufriedenheit Deiner Kunden steigern wollen und glauben, dass ein neues Feature einen wichtigen Beitrag dazu leisten könnte. Nachdem Dein Scrum Team das Feature fertiggestellt hat, stellt sich jedoch heraus, dass die Kundenzufriedenheit sogar gesunken ist. Deine Entscheidung, das Feature zu entwickeln, war daher ein Irrtum und kein Fehler.

Insofern sind auch widerlegte Hypothesen, die sich (im Nachhinein) als Irrtum herausstellen, positiv zu bewerten, weil Du dadurch neue Erkenntnisse hinzugewonnen hast.

  • Je nachdem wie aufwändig das neue Feature ist, kann es natürlich durchaus sinnvoll sein, vor der eigentlichen Entwicklung Discovery und Validation Tests zu nutzen, um die Risiken eines Irrtums zu minimieren.

Grundsätzliche Elemente für eine positive Fehlerkultur

Eine gute, offene und positive Fehlerkultur basiert auf drei grundlegenden Elementen. Willst Du also die Fehlerkultur in Deiner Organisation verbessern, solltet Ihr diesen drei Säulen Eure volle Aufmerksamkeit widment.
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  • Psychologische Sicherheit

  • New Leadership

  • Growth Mindset

Psychologische Sicherheit fördern

Um eine positive, offene Fehlerkultur zu etablieren, solltest Du in einem ersten Schritt damit beginnen, Dich mit Amy Edmondsons Konzept der Psychologischen Sicherheit zu beschäftigen. Anschließend kannst Du darauf aufbauend mit allen Beteiligten Wege finden, sie in einzelnen Teams und Deiner gesamten Organisation zu fördern.

Psychologische Sicherheit ist die gemeinsam geteilte Überzeugung, dass die Arbeitsumgebung sicher ist, um zwischenmenschliche Risiken einzugehen.

Psychologische Sicherheit

Wenn wir über gemachte Fehler sprechen, bedeutet das immer, dass wir dabei ein (zwischenmenschliches) Risiko eingehen. Sei es das Risiko, dadurch als Idiot dazustehen. Oder das Risiko, von anderen angeschuldigt zu werden. Oder das Risiko, für einen “dummen Fehler” ausgelacht zu werden.

Eine offene Fehlerkultur kann also nur dann entstehen, wenn Psychologische Sicherheit in ausreichendem Maß vorhanden ist.

New Leadership

Ein zweiter wichtiger Baustein für eine bessere, positive Fehlerkultur, ist New Leadership. Wie ich weiter oben dargestellt habe, bringt es Komplexität mit sich, dass Irrtümer und Misserfolge zwangsläufig entstehen. Eine methodische Antwort auf diese Herausforderungen sind natürlich agile Methoden wie beispielsweise Objectives & Key Results oder Scrum. Denn agile Methoden helfen uns dabei, Komplexität zu bewältigen und mit ihr umzugehen.

Allerdings erfordern agile Ansätze auch eine neue Art der Führung, weil Scrum Teams selbstorganisiert und kollaborativ arbeiten.

Deshalb hilft New Leadership dabei, Deine gesamte Organisation, einzelne Teams und Menschen anders zu führen. Zu diesem Themenbereich gehört beispielsweise die Resonante Führung nach Daniel Goleman, Konzepte wie Humble Inquiry von Edgar Schein oder das Führen agiler Teams mit outcome-orientierten Zielen.

Growth Mindset fördern

Der dritte grundlegende Baustein für eine offene Fehlerkultur ist das sogenannte Growth Mindset. Das psychologische Modell von Carol Dweck unterscheidet zwischen einem lernorientierten Selbstbild (Growth Mindset) und einem statischen Selbstbild (Fixed Mindset).

Während ein Growth Mindset uns dabei hilft, Fehler als Lernchance zu begreifen, sind Misserfolge im Fixed Mindset nur der Beweis für unsere eigene Unzulänglichkeit und deshalb negativ behaftet.

  • Einen guten Einstieg in das Thema Growth Mindset findest Du im Blog von zeitzuleben.de

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Konkrete Maßnahmen für eine offene Fehlerkultur

Vielleicht sind Dir diese drei Säulen noch ein wenig zu schwammig und Du bist auf der Suche nach konkrete(re)n Ansätzen, mit denen Du die Fehlerkultur in Deinem Team oder Deiner Organisation positiv beeinflussen kannst.

Deshalb findest Du in dem nun folgenden Abschnitt ein paar praktische Tipps, Ideen und Methoden, die Dir dabei helfen können.
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Du kennst noch weitere gute Tipps für eine postive Fehlerkultur? Hinterlasse mir gerne einen Kommentar!x

Irrtümer feiern & Fehler entstigmatisieren

Ein Grundproblem bei Fehlern und Irrtümern ist es, dass wir nur ungerne über sie sprechen. (Niemand scheitert ja gerne.) Allerdings können wir anderen nur dann dabei helfen, die gleichen Fehler (und Irrtümer) zu begehen, wenn wir genau das tun. Eine offene Fehlerkultur entsteht deshalb nur dann, wenn wir Räume und Möglichkeiten bieten, in denen jeder offen über gemachte Fehler sprechen kann.

I’m not pro failure, I’m pro learning.

Aus dieser Perspektive betrachtet, ist es deshalb sehr sinnvoll, sogenannte FuckUp Nights oder vergleichbare Events in Deiner Organisation zu etablieren, in denen Irrtümer und Fehler gefeiert werden können.

  • Im Firmenfunk-Podcast von Leonid Lezner findest Du eine sehr hörenswerte Folge zum Thema Scheitern und Feiern.

Angewandte Improvisation

Im Juni 2022 hatte ich die Möglichkeit gemeinsam mit meiner guten Freundin Dagmar Dörner eine Keynote auf dem Agile Barcamp+ des münsteraner Vereins “Thementreiber” zu halten.

Wie sich bei der Vorbereitung zu diesem Impulsvortrag herausstellte, gibt es sehr viele Überschneidungen zwischen angewandter Improvisation, agilem Arbeiten, Psychologischer Sicherheit und einer positiven Fehlerkultur.

Deshalb kann ich Dir angewandte Improvisation als spielerische Methode für eine bessere Fehlerkultur nur wärmstens ans Herz legen!

Angewandte Improvisation für eine bessere Fehlerkultur

Stop the Blame Game!

Ein weiterer sinnvoller Schritt hin zu einer offenen Fehlerkultur entsteht durch die Verbesserung der täglichen Gesprächskultur. Denn gerade dann, wenn (vermeidbare) Fehler auftauchen, sollte es nicht darum gehen, einen Schuldigen zu finden, sondern zu verstehen, welche Ursachen zu ihrer Entstehung beitrugen.

  • Für bessere, hilfreiche Gespräche empfehle ich Dir einen Blickt in das Buch Difficult Conversations von Douglas Stone und Sheila Heen!

Humble Inquiry

Der Ansatz von Edgar Schein ist besonders für Führungskräfte geeignet, die dazu beitragen möchten, dass ihre Mitarbeiten offen und ohne Vorbehalte über Probleme, Herausforderungen und Fehler sprechen können. Vereinfacht gesagt basiert er darauf, mit Hilfe von Fragen aus echter Neugierde und Interesse gegenseitiges Vertrauen zu fördern. Dadurch wird es einfacher, über Fehler und Irrtümer zu sprechen.

  • Mehr zu dieser New-Leadership-Methode findest Du in meinem Artikel Humble Inquiry.

Fazit zu einer offenen & positiven Fehlerkultur

Ich hoffe, ich konnte Dir mit diesem Artikel dabei helfen, die grundlegenden Prinzipien für eine positive Fehlerkultur besser zu verstehen. Solltest Du noch Fragen zu den hier vorgestellten Themen haben oder Anregungen, Feedback oder Kritik zu diesem Beitrag haben, hinterlasse mir wie immer gerne einen Kommentar hier unten auf der Seite!