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In diesem Beitrag, zeige ich Dir, was hinter der berühmten Stacey Matrix steckt. Und warum Du das, was Du (wahrscheinlich) als Stacey Matrix kennst, eigentlich gar nicht mehr so viel mit der ursprünglichen Matrix zu tun hat. (Aber vielleicht trotzdem immer noch hilfreich sein kann, wenn Du vor der Entscheidung stehst, agile Methoden einzusetzen oder nicht.)

Der Ursprung der Stacey Matrix

Die Stacey Matrix geht auf Ralph Douglas Stacey zurück, der sich mit der Entscheidungsfindung in komplexen Systemen beschäftigte. Er versuchte damit, diverse Fragen zu beantworten. Beispielsweise „Durch welche Faktoren entsteht Komplexität in Unternehmen und Organisationen?“, „Wie lassen sich trotz großer Ungewissheit immer noch gute Entscheidungen treffen?“ oder „Welche Formen der Entscheidungsfindungen eignen sich in komplexen Situationen am besten?“

Stacey gibt es gingt es also in erster Linie darum, den Prozess der Entscheidungsfindung zu erklären.

Dimensionen der Stacey Matrix

Nach Stacey sind für eine gute Entscheidungsfindung zwei Aspekte besonders zu wichtig, die er daher als unterschiedliche Dimensionen in der nach ihm benannten Matrix verwendete.

Zum einen ist es wichtig zu berücksichtigen, wie einig sich alle Beteiligten hinsichtlich der Entscheidung sind (Agreement).

Und zum anderen ist es wichtig zu berücksichtigen, wie sicher beziehungsweise gewiss sie sich sind, was das Umfeld, die Aufgabe selbst oder die anzuwendende Methodik angeht.

Dimensionen der Stacey Matrix

Die echte Stacey Matrix

Durch die zwei Dimensionen Agreement und Certainty entstehen – so die Aussage der Stacey Matrix – insgesamt fünf Bereiche der Komplexität, die jede eine unterschiedliche Form der Entscheidungsfindung notwendig beziehungsweise sinnvoll macht. Stacey ging es also um die Frage:

Wenn Pläne in gewissen Situationen nicht hilfreich sind, was tun sie dann tatsächlich? Welche Strategien verfolgen sie, um zu Entscheidungen zu kommen?

Diese fünf Bereiche werden wie folgt mit Hilfe der Stacey Matrix abgebildet.

Stacey-Matrix-scaled.jpg
Rationale Entscheidungsfindung
Beurteilende Entscheidungsfindung
Politische Entscheidungsfindung
Kreativität, Intuition, Try & Error
Anarchie
Stacey-Matrix-scaled.jpg
Rationale Entscheidungsfindung
Beurteilende Entscheidungsfindung
Politische Entscheidungsfindung
Kreativität, Intuition, Try & Error
Anarchie

Rationale Entscheidungsfindung

Sofern sich alle beteiligten einig sind, was das Ziel sein soll, und eine große Gewissheit zu Vorgehen und Umfeld herrscht, kommt es zu einer rationalen Entscheidungsfindung. Es sind sich alle Beteiligten einig, was herauskommen soll und wie dieses Ergebnis am besten erreicht werden kann.

Politische Entscheidungsfindung

Wenn die Gewissheit zwar hoch ist, aber darüber, wie das Ganze zu deuten ist, werden Verhandlungen, Gespräche und vielleicht sogar Kompromisse notwendig, um zu einer politischen Entscheidung zu kommen. Das heißt, Manager versuchen dann, ihre Sicht der Dinge durch die Bildung von Koalitionen etc. durchzusetzen und andere Parteien zu überzeugen (oder auch auszubooten).

Beurteilende Entscheidungsfindung

Auf der anderen Seite kann der Fall eintreten, das sich zwar alle Entscheider einig sind, welches Ziel sie erreichen möchten, aber wenig Klarheit beziehungsweise Gewissheit über das weitere Vorgehen herrscht. In diesem Fall helfen beispielsweise umfangreiche Analysen durch Experten, die dabei unterschützen (sollen), eine beurteilende Entscheidung zu fällen.

Kreativität, Intuition, Try & Error

Falls jedoch wenig (bis gar keine) Einigkeit unter allen Beteiligten herrscht und gleichzeitig das gesamte Umfeld ziemlich unsicher ist, helfen Kreativität, Intuition und Try & Error am besten, um zu einer Entscheidung zu gelangen.

Anarchie

Ist sich überhaupt niemand einig und gleichzeitig tritt dabei große Unsicherheit auf, kommt es zur Anarchie. Das ist natürlich ein extrem gefährlicher Bereich, den Organisationen und Unternehmen nach Möglichkeit vermeiden möchten bzw. sollten.

Die „agile“ Stacey Matrix

Anfang der 2000er Jahre erfuhr die Stacey Matrix dann eine Umdeutung (manche sagen auch „Verschlimmbesserung“), die nicht mehr viel mit der ursprünglichen Idee zu tun hatte. Wahrscheinlich verdanken wir diese Umdeutung sogar Ken Schwaber persönlich, denn zumindest taucht die „agile“ Stacey Matrix zum ersten Mal 2004 bei ihm auf. (Mehr zu den Hintergründen findest Du im lesenswerten Blogartikel von Frank Habermann auf overthefence.com.)

Jedenfalls werden in der agilen Stacey Matrix die ursprünglichen Dimensionen verändert in Klarheit der Anforderungen bzw. Requirements (ursprünglich Agreement) und Klarheit des Vorgehens bzw. Technology (ursprünglich Certainty). Gleichzeitig wird die agile Stacey Matrix mit dem Cynefin Framework kombiniert, um sichtbar zu machen, welche Grade an Komplexität durch verschiedene Kombinationen entstehen. Das heißt, die ursprünglichen fünf Komplexitätsbereiche verschwanden und wurden durch die vier Bereiche des Cynefin Frameworks ersetzt.

Agile-Stacey-Matrix-scaled.jpg
Einfach
Kompliziert
Komplex
Chaos
Agile-Stacey-Matrix-scaled.jpg
Einfach
Kompliziert
Komplex
Chaos

Einfache Situationen

Einfache Situationen entstehen dann, wenn sowohl Anforderungen als auch die dazu notwendige Technologie bekannt sind. In diesen Situationen brauchst Du nicht mit vielen Überraschungen zu rechnen. Es ist klar, was zu tun ist und wie es erreicht werden kann. Deshalb wird auch sicherlich eine Best Practice für Deine Situation existieren.

Mögliche methodische Ansätze

  • Klassisches Projektmanagement (Wasserfall)

Komplizierte Situationen

Komplizierte Situationen sind schon ein wenig umfangreicher und schwerer zu durchschauen als einfache Situationen. Es gibt zwar einige Variablen und Unsicherheiten, die eine klare Erkenntnis erschweren, aber grundsätzlich ist noch immer eine umfangreiche Analyse möglich und auch sinnvoll.

In komplizierten Situationen gibt es keine Best Practice mehr, sondern nur Good Practices. (Viele Wege führen nach Rom.)

Mögliche methodische Ansätze

  • Klassisches Projektmanagement (Wasserfall)

Komplexe Situationen

Komplexe Situationen sind durch ein hohes Maß an Ungewissheit und viele Variablen gekennzeichnet, die eine vorherige Analyse unmöglich machen. Denn erst dann, wenn Du bestimmte Dinge aktiv tust, kannst Du herausfinden, ob Du mit Deiner Vermutung beziehungsweise Hypothese richtig gelegen hast. Dave Snowden spricht bei komplexen Situationen deshalb auch von Emergent Practice. Du weißt sozusagen immer erst im Nachhinein, ob das, was Du tust, eine gute Idee war (oder eben nicht).

Mögliche methodische Ansätze

Chaotische Situationen

Chaotische Situationen entstehen dann, wenn weder die Anforderungen noch die dazu notwendigen Technologien klar oder bekannt sind. Oder einfach gesagt: Das einzige, das in solchen Situationen klar ist, ist, dass nichts klar ist. Natürlich ist jede Organisation gut beraten, es gar nicht erst soweit kommen zu lassen, da es sich um absolute Notsituationen handelt.

Agile Methoden sind in chaotischen Situationen extrem ungeeignet, da sie viel zu zeitaufwändig sind, um die notwendige Geschwindigkeit zu ermöglichen, die eine solche Notfallsituation erfordert. Eine klar vorgegebene Richtung durch klare Anweisungen der Verantwortlichen sind in chaotischen Situationen viel hilfreicher. (Selbst dann, wenn alle wissen, dass diese Richtung mehr geraten als gewusst sein wird.) Deshalb ist es auch notwendig, den eingeschlagenen Kurs durch schnelle Lernzyklen zu verändern und dadurch in ruhigeres Fahrwasser zu gelangen.

In chaotischen Situationen geht es also in erster Linie darum, lebensrettende Sofortmaßnahmen einzuleiten und sich dann schnellstmöglich einen Überblick zu verschaffen.

Mögliche methodische Ansätze

  • Sofortige Maßnahmen und konkretes Handeln in Kombination mit schnellen Lernzyklen und Adaption.

Fazit zur Stacy Matrix

Du siehst, die Stacey Matrix wurde vor einiger Zeit durch die agile Community mehr oder weniger gekapert und den eigenen Interessen entsprechend angepasst. Böse Zungen behaupten sogar, sie sei nur ein Modell, mit dessen Hilfe Berater agiles Projektmanagement besser verkaufen könnten. Aus der ursprünglichen Idee, sie als Tool zur Entscheidungsfindung in komplexen Situationen zu nutzen, ist ein Werkzeug geworden, mit dessen Hilfe vor allem agiles Produkt- und Projektmanagement begründet werden. Das geht sogar so weit, dass sich mittlerweile Stacey selbst von der Matrix distanziert hat.

Ist die sie deswegen nutzlos?

Nun ja, ich persönlich denke, dass die Entscheidung , ob agile Methoden in bestimmten Situationen zum Einsatz kommen sollten oder nicht, noch immer sinnvoll mit der „agilen“ Stacey Matrix hergeleitet werden kann. Das liegt aber nicht an der Stacey Matrix selbst, sondern an den Kategorien des Cynefin Frameworks (einfach, kompliziert, komplex und chaotisch). Denn diese sind – zumindest für mich – nachwievor bestechend logisch.

Wenn Du so möchtest, ist die „agile“ Stacey Matrix im Grunde nur eine andere Darstellung des Cynefin Frameworks, die für Menschen, die sich bisher noch wenig bis gar nicht mit agiler Arbeit beschäftigt haben, anscheinend deutlich eingängiger und nachvollziehbarer ist.

Zum Schluss interessiert mich natürlich, wie Du zur (agilen) Stacey Matrix stehst! Spielt sie in Deiner täglichen Arbeit als Product Owner oder Scrum Master überhaupt eine Rolle? Wie überzeugst Du Stakeholder davon, wann und wie (oder ob) ein agiles Vorgehen sinnvoll sein könnte? Schreib mir doch einen Kommentar unten auf der Seite!