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Die nächste Retrospektive steht an und Du weißt noch nicht, mit welchen Methoden Du sie gestalten sollst? Dann bist Du hier genau richtig! In diesem Artikel habe für Dich die besten Retro-Methoden zusammengestellt, die ich in den vergangenen Jahren häufig genutzt und mit denen ich gute Erfahrungen gemacht habe. Darunter findest Du natürlich den einen oder anderen Klassiker, aber auch einige Methoden, die weniger bekannt sind.

Methoden für die 5 Phasen der Sprint Retrospektive

Diese Methodensammlung orientiert sich im Aufbau an den fünf klassischen Phasen einer Sprint Retrospektive:

  1. Check-in
  2. Themen sammeln
  3. Erkenntnisse gewinnen
  4. Entscheidungen treffen
  5. Check-out

Phase 1: Einstieg & Check-in

Der Einstieg ist eine der wichtigsten Phasen der Retrospektive. Gelingt er gut, ist der Rest meist ein Kinderspiel. Hier sind einige Methoden, die ich gerne für den Check-in verwende und mit denen ich gute Erfahrungen gemacht habe.

Mad Team Party

Die Mad Team Party nimmt Bezug auf den verrückten Hutmacher aus Alice im Wunderland. (Bei der verrückten Teeparty reden alle Anwesenden wild durcheinander und keiner hört dem anderen so richtig zu.) Genauso machst Du es bei diesem Retro Check-in, den Du am besten online durchführen kannst.

Überlege Dir vorab ein paar (verrückte) Sätze, die jeder Teilnehmer vervollständigen soll. Beispielsweise “Der letzte Sprint war…” oder “Als unsere Datenbank abgeraucht ist, wäre/hätte ich am liebsten…” (Nimm dabei Bezug auf Ereignisse, die im letzten Sprint wichtig gewesen sind.)

Schreibe den ersten Satzanfang in den Chat Eures Videokonferenz-Tools und gib Deinen Team-Kollegen ein wenig Zeit, ihn über den Chat Eures Onlinetools zu vervollständigen. (Aber nicht zu viel, sonst macht es nicht so viel Spaß.)

Wichtige Regel: Erst wenn Du als Scrum Master von 3 runtergezählt hast und Los! rufst, dürfen Deine Teamkollegen die Enter-Taste betätigen und ihren Satz mit den anderen teilen.

Mad Team Party

Die Chat-Einträge werden nicht besprochen. Schreibe einfach den nächsten Satzanfang in den Chat, den Deine Retroteilnehmer dann wieder vervollständigen sollen. Die Mad Team Party könnt Ihr solange spielen, wie es Euch Spaß macht und Ihr keine Lust mehr habt.

Wetterbericht

Manchmal kann ein Sprint genauso wechselhaft wie das Wetter sein. Bei dieser Methode lässt Du die Teilnehmer Deiner Retrospektive einen (kurzen) Wetterbericht über den letzten Sprint schreiben.

Als unsere Reise begann, hatten wir noch sehr viel Sonne. Es wurde jedoch schnell sehr windig und schon nach kurzer Zeit begann es stark zu regnen. Unser Wanderweg verwandelte sich schnell in einen schlammigen Pfad mit großen Pfützen, die wir großräumig umgehen mussten, was viel Zeit gekostet hat. Zum Glück wurde das Wetter zum Ende wieder besser.

Wettbericht-Retrospektive-Methoden

Weitere Check-in-Methoden für Deine Retrospektive

Phase 2: Themen sammeln

In der zweiten Phase der Retrospektive geht es darum, gemeinsam mit Deinem Team Themen zu sammeln. Hier findest Du einige Methoden, die Dir dabei helfen können.

The Good, The Bad, The Ugly

Mit der Methode The Good, The Bad, The Ugly kannst Du in Eurer Retrospektive Themen zum letzten Sprint sammeln. Sie nimmt Bezug auf den Western Zwei glorreiche Halunken mit Clint Eastwood; allerdings auf den Original-Titel.

  • Unter The Good wird festgehalten, was im letzten Sprint richtig gut lief.

  • Bei The Bad stehen diejenigen Dinge, die nicht so klasse waren.

  • The Ugly ist für Themen, die Dein Team so richtig zur Verzweiflung gebracht haben.

Thematische Retrospektive - The Good, The Bad, The Ugly

Mit The Good, The Bad, The Ugly kannst Du übrigens auch das Thema Film zum Leitmotiv Deiner Retrospektive machen und eine thematische Retrospektive gestalten.

Three little Pigs

Mit Three little Pigs legst Du den Fokus Deiner Retrospektive stärker auf technische und methodische Prozesse. Diese Methode eignet sich weniger, wenn zwischenmenschliche Themen besprochen werden (sollten).

  • Welche Prozesse in unserem Team sind wie Strohhäuser, die bei jeder Kleinigkeit einstürzen?

  • Was sind die Holzhäuser unseres Teams? (Recht gut, aber noch nicht ganz fehlerfrei.)

  • Welche Prozesse sind wie Steinhäuser und deshalb bereits stabil und unerschütterlich?

  • Welchen Bösen Wölfen sind wir im letzten Sprint begegnet, die unsere Stroh- und Holzhäuser wieder einstürzen ließen?

Three little Pigs

Mad, Sad, Glad

Mad, Sad, Glad ist eine Retrospektiven-Methode, die sich großer Beliebtheit erfreut. Dabei ist allerdings ein wenig Vorsicht angeraten: Falls Dein Team einen sehr harten Sprint hatte, in dem es mit vielen Herausforderungen kämpfen musste, kann die Spalte Mad schon einmal sehr voll werden und Deine Retrospektive in eine wenig konstruktive “Auskotzrunde” münden.

Falls es viele Herausforderungen gab, solltest Du überlegen, auf die konstruktivere 4L-Methode auszuweichen, um Themen zu sammeln.

  • Unter Mad notiert Ihr die Dinge, die Euch im letzten Sprint verrückt gemacht haben. Beispielsweise ständige Unterbrechungen, fehleranfällige Hardware etc.

  • Sad steht für diejenigen Dinge, die nicht so gut gelaufen sind und Euch traurig gemacht haben.

  • In der Spalte Glad notiert Ihr alles, was Euch im letzten Sprint glücklich gemacht hat und gut gelaufen ist.

Retrospektive Methoden - Mad Sad Glad

4L-Methode

Auch die 4L-Methode ist ein echter Klassiker unter den Retrospektiven-Methoden. Gerade dann, wenn Du als Scrum Master den Fokus auf Dinge lenken möchtest, die nicht so gut liefen, eignet sie sich sehr gut. Denn die beiden Kategorien Lacked und Longed for beziehen sich zwar beide auf negative Aspekte des letzten Sprints, machen aber unterschiedliche “emotionale Schwerpunkte” sichtbar.

Außerdem fördert die 4L-Retrospektive eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Dingen, die schlecht gelaufen sind, da sie einen Schwerpunkt auf Lernaspekte setzt.

  • Loved: Welche Dinge im letzten Sprint hast Du geliebt?

  • Learned: Was hast Du im letzten Sprint hinzugelernt, das Du zuvor noch nicht wusstest oder konntest?

  • Lacked: Welche Dinge haben Dir im letzten Sprint zur Erreichung des Sprintziels gefehlt?

  • Longed for: Nach was (oder wem) hast Du Dich wirklich gesehnt?

4L-Retrospektive

Phase 3: Erkenntnisse gewinnen

In der dritten Retrospektiven-Phase geht es darum, gemeinsam zu ergründen, warum gewissen Dinge so geschehen sind, wie sie geschehen sind. Auch hier gibt es einige hilfreiche Methoden, die Euch bei diesem Prozess unterstützen können.

Back to the Future

Manchmal kann es hilfreich sein, sich vorzustellen, man hätte etwas bereits erfolgreich geschafft und umgesetzt. Hierbei unterstützt Euch die Methode Back to the Future. Dabei stellt Ihr Euch vor, der nächste Sprint wäre perfekt gelaufen. Beantwortet Euch gemeinsam klärende Fragen dazu:

  • Was haben wir (anders) gemacht, dass der Sprint so perfekt gelaufen ist?

  • Über welche Dinge werden wir uns dann in der nächsten Retrospektive austauschen?

  • Worauf werden wir besonders stolz sein?

  • Wie sind wir mit aufkommenden Problemen und Hindernissen umgegangen?

  • Was waren die (wichtigsten) Erfolgsfaktoren für diesen erfolgreichen Sprint?

Erkenntnisse gewinnen - Back to the Future

Kopfstandmethode

Auch bei dieser Retrospektiven-Methode werft Ihr einen Blick in die Zukunft. Allerdings stellt Ihr Euch dieses Mal vor, der nächste Sprint wäre ein absolutes Desaster. Lasse jeden Retrospektiven-Teilnehmer alles aufschreiben, was das Team tun kann, damit der nächste Sprint möglichst schlecht verläuft.

Stellt Euch danach die Frage:

Welche Dinge, die wir hier aufgeschrieben haben, tun wir bereits?

Kopfstand-Methode

Überlegt gemeinsam in der nächsten Phase Eurer Retrospektive (Entscheidungen treffen), welche Dinge Ihr verändern müsst, um diese negativen Aktivitäten abzustellen.

Phase 4: Entscheidungen treffen

In der vierten Phase der Retrospektive trefft Ihr gemeinsam Entscheidungen, was Ihr ab dem nächsten Sprint anders bzw. besser machen möchtet. Hier sind einige Methoden, die Ihr dafür verwenden könnt.

Starfish-Methode

Die Starfish-Methode ist ein absoluter Retrospektiven-Klassiker. Alle Entscheidungen werden in fünf unterschiedliche Kategorien eingeordnet, wodurch sich das seesternförmige Muster ergibt, das dieser Methode seinen Namen gab.

  • Start doing: Eine konkrete Maßnahme, mit der Ihr ab dem nächsten Sprint beginnen möchtet.

  • More of: Aktivitäten, die Ihr bereits begonnen habt, aber nun ausweiten möchtet.

  • Keep doing: Etwas, was Dein Scrum Team bereits gut kann und auf keinen Fall vergessen möchte.

  • Less of: Negative Angewohnheiten und Dinge, die Dein Team reduzieren möchte. (Zum Beispiel “ständig meckern”)

  • Stop doing: Schlechte Angewohnheiten, mit denen Ihr ab sofort aufhören möchtet.
Starfish Retro

Ich packe meinen Koffer und nehme mit

Diese Methode ist so etwas wie der “kleine Bruder” der Starfish-Retrospektive. Sie eignet sich insbesondere dann sehr gut, wenn Du beispielsweise eine thematische Retro zum Thema Sommer & Urlaub durchführen möchtest.

  • Old/Stop: Welche Dinge nehmen wir aus unserem Koffer heraus, weil wir sie nicht mehr benötigen?

  • Keep: Was bleibt im Koffer, weil es sich bewährt hat?

  • Start/New: Was nehmen wir neu in unseren Koffer hinein, um es im nächsten Sprint auszuprobieren?

Ich packe meinen Koffer und nehme mit

3-Horizonte-Retrospektive

Nicht alles lässt sich immer sofort im nächsten Sprint umsetzen. Da kann es hilfreich sein, mögliche Maßnahmen in kurzfristige, mittelfristige und langfristige Veränderungen zu unterscheiden. Die 3-Horizonte-Retrospektive basiert auf einem Framework zur Unternehmensentwicklung, das im Jahr 2000 erstmals in The Alchemy of Growth vorgestellt wurde.

  • Horizont 1: Was sind die Dinge, in die wir zeitnah investieren sollten? Was können wir schon ab dem nächsten Sprint anders machen?

  • Horizont 2: Welche Dinge können wir (erst) mittelfristig verändern?

  • Horizont 3: Welche Veränderungen können wir nur langfristig angehen? (Und was müssen wir dafür tun, damit wir sie nicht vergessen?)

3-Horizonte-Retrospektive

Manchmal kann es auch hilfreich sein, Themen und Ideen, die Ihr in Horizont 2 oder 3 eingeordnet habt, weiter zu besprechen. Überlegt gemeinsam, was Ihr machen könnt, um diese Veränderungen in kleinen Schritten anzugehen.

Phase 5: Abschluss (Check-out)

Genauso wie Du eine Retrospektive nicht mit einem Kaltstart ohne Check-in beginnen solltest, solltest Du sie auch nicht abrupt beenden. Auch für den Check-out gibt es verschiedene Methoden, die Dir dabei helfen können. Gerade für Dich als Scrum Master ist es hilfreich zu wissen, wie Du die nächste Retrospektive noch besser gestalten kannst.

SaMoLo – Same of, More of, Less of

SaMoLo steht für Same of, More of und Less of. Unterteile ein Flipchart (oder digitales Whiteboard) in drei Bereiche und bitte Deine Retrospektiven-Teilnehmer, Dir Feedback zu geben, wovon sie in der nächsten Retro mehr, weniger oder genauso viel haben möchten.

Diese Methode eignet sich übrigens nicht nur für den Check-out der Retrospektive! Du kannst sie auch in der Phase Entscheidungen treffen nutzen.

Retrospektiven Methoden - SaMoLo

Kudos to you!

Eine schöne Möglichkeit, die Retrospektive positiv zu beenden, sind sogenannte Kudo-Karten. Zum Ende der Retro schreibt jeder Teilnehmer ein kurzes Lob oder positives Feedback auf eine Postkarte und ihr heftet sie an eine Pinnwand, die in Eurem Teamraum steht.

Wenn Ihr diese Check-out Methode regelmäßig wiederholt, habt Ihr schon nach kurzer Zeit eine tolle Feedbackwand mit schönen Erinnerungen!

Retro-Methoden Kudo-Karten

Brief an mein zukünftiges Ich

Du kannst Deine Retroteilnehmer auch auffordern, einen Brief an sich selbst zu schreiben, in dem sie sich selbst daran erinnern, was sie sich heute vorgenommen haben. Das funktioniert besonders dann gut, wenn Ihr eine analoge Retrospektive durchführt und Du diese Briefe danach einsammelst. So kannst Du sie in einer später folgenden Retro wieder hervorholen und sie beispielsweise als Check-in nutzen.

Haben wir das, was wir uns heute vorgenommen haben, wirklich umgesetzt?

Brief an mich selbst - Retrospektive-Methoden

Noch mehr Retrospektiven-Methoden

Es gibt natürlich noch viele weitere Methoden für die Gestaltung Deiner nächsten Retrospektive. Hier habe ich noch einige gute Quellen für Dich aufgelistet:

  • Deine erste Anlaufstelle sollte der Retromat sein, der viele verschiedene Formate für Deine nächste Retrospektive generieren kann.

  • Eine tolle Sammlung zu Retro-Methoden findest Du auf FunRetrospectives.

  • Auch bei Echometer findest Du diverse Methoden, mit denen Du Deine Retrospektive spannend gestalten kannst.

  • Einige weitere spannende Formate kannst Du zusätzlich auf der Webseite von TeamRetro entdecken.

Ich hoffe, ich konnte Dich wie immer ein klein wenig inspirieren und Dir dabei helfen, Deinen Methodenkasten zu erweitern. Wie steht’s mit Dir? Kennst Du noch Retro-Methoden, die ich hier nicht erwähnt habe, die aber auf keinen Fall fehlen sollten? Oder hast Du vielleicht sogar schon einmal schlechte Erfahrungen mit einer der hier genannten Methoden gemacht? Dann hinterlasse mir einen Kommentar hier unten auf der Seite! Ich freu mich über Dein Feedback.